Nacht. Plötzlich wacht man auf und alles dreht sich. Man erbricht, kann sich nicht auf den Beinen halten, ist seekrank, ohne auf einem Schiff zu sein. Beim Gehen schwankt man wie ein Betrunkener. Die Diagnose: Neuronitis vestibularis – der Sammelname für einein Ausfall des Gleichgewichtsnervs. Für viele beginnt dann eine Odyssee. Die Ursache für diesen Ausfall ist oft nicht festzumachen. Häufig ging ein Infekt voraus. Diese Art des Schwindels, der Drehschwindel, tritt meistens plötzlich auf, dauert einige Tage oder Wochen und vergeht dann langsam wieder. Weniger dramatisch, aber oft über Jahre immer wieder auftretend und quälend, ist der Schwankschwindel, bei dem die Patienten oft das Gefühl haben, im nächsten Moment umzufallen oder ohnmächtig zu werden. Viele sind lange auf der Suche nach Hilfe. (Text & Bild: © Dunja Voos)
Schwindel heißt Schwäche
Im Althochdeutschen bedeutet Schwindel das „Schwinden der Kräfte und Sinne“. Es kommen zwei Formen vor:
1. der Drehschwindel, lateinisch Vertigo (vertere = drehen), mit dem Gefühl, dass sich die Außenwelt vor den Augen dreht.
2. der Schwankschwindel: er äußert sich durch ein schwankendes Gefühl beim Gehen, Stehen oder Sitzen. Für andere ist diese Unsicherheit jedoch kaum oder gar nicht erkennbar.
Das Gleichgewichtssystem – schwindelerregend komplex
Wir halten unser Gleichgewicht mithilfe des Innenohrs, der Augen, der Muskeln und des Gehirns, in dem die Informationen der Sinnesorgane verarbeitet werden. Im Innenohr sitzen die Bogengänge, die die Rotationsbewegungen (= Drehbewegungen) des Kopfes aufnehmen. Die Bogengänge sind mit einer Flüssigkeit gefüllt und gehen vom „kleinen Beutel“ (Utriculus) aus, der neben dem „kleinen Säckchen“ (Sacculus) liegt. In Sacculus und Utriculus registrieren die Sinneszellen Vorwärts-, Rück- und Seitbewegungen in einer Ebene. Vom Innenohr zieht der Gleichgewichtsnerv (Nervus vestibulocochlearis, der 8. Hirnnerv) zum Hirnstamm. Hier gibt es Verbindungen zum vegetativen Nervensystem, zu den Augenmuskeln, zum Thalamus, zum Kleinhirn und zur Hirnrinde.
Die Muskeln als Sinnesorgan
In unseren Muskeln liegen Rezeptoren (also Empfänger von Nervenimpulsen), die das Gehirn über die Stellung der Muskeln informieren. Diese sogenannten Propriorezeptoren (proprio = „eigen“) ermöglichen es uns, unsere eigene Körperhaltung wahrzunehmen. Das heißt: Wenn wir die Augen schließen, wissen wir trotzdem, wie wir unser Bein gerade gestellt haben oder wo sich der Arm befindet. Dennoch fällt es uns schwerer, das Gleichgewicht mit geschlossenen Augen zu halten, denn die Augen kontrollieren eben mit, wo wir uns befinden und wie wir stehen und gehen. Umgekehrt bedeutet das aber auch, dass wir durch ein Training unserer Muskeln unser Gleichgewichtssystem schulen und verbessern können.
Die Schulung der Muskeln verbessert den Gleichgewichtssinn
Die Fähigkeit, die eigenen Körperstellungen wahrzunehmen, wird „Tiefensensibilität“ genannt. Sie geht von den Muskeln aus. Die Tiefensensibilität funktioniert, egal, ob wir unsere Augen geöffnet oder geschlossen haben. Sportler haben oft eine gute Tiefensensibilität. Die Tiefensensibilität kann also trainiert werden, z.B. indem wir öfter über einen Schwebebalken balancieren. Bei Schwindel-Erkrankungen ist körperliche Aktivität der wichtigste Therapie-Baustein.
Woher der Schwindel kommt – die Diagnostik
Viele Patienten befürchten, einen Tumor im Kopf zu haben. Das ist zum Glück nur selten der Fall. Von 100.000 Einwohnern erkranken jährlich etwa 15 Menschen an einem Hirntumor. Auch Multiple Sklerose kann sich hinter einem Schwindel verbergen, doch meistens stehen bei Multipler Sklerose (MS) andere Beschwerden im Vordergrund. Etwa einer von 1000 Menschen in Nordeuropa ist von Multipler Sklerose betroffen.
Eine weitere mögliche Ursache von Schwindel kann ein Akustikusneurinom sein. An solch einem gutartigen Kleinhirnbrückenwinkeltumor erkranken etwa sechs Menschen pro eine Million Einwohnern jährlich. Meistens richtet das Akustikusneurinom nichts Schlimmes an – wohl die meisten Betroffenen leben damit ein Leben lang, ohne davon zu wissen. Meistens werden Akustikusneurinome nur zufällig bei MRT-Untersuchungen (Magnetresonanztomographien) entdeckt. Das Akustikusneurinom lässt sich gut mit einer Hirnstammaudiometrie (BERA, Brain Stem Evoked Response Audiometry) diagnostizieren. Die Untersuchung ist weder schmerzhaft noch unangenehm – man muss nur ruhig liegen, während Elektroden die Hirnstamm-Ströme aufnehmen.
Häufig ist bei einem Akustikusneurinom keine Operation notwendig. Man beobachtet über die Jahre nur, ob es sich ausdehnt. Eine Operation am Akustikusneurinom kann unter Umständen bewirken, dass im Laufe der Zeit Symptome auf der anderen Seite, auf dem bis dahin gesunden Ohr zeigen. In seltenen Fällen entsteht dann ein Cogan-Syndrom.
Der Unterberger Tretversuch: eignet sich zur Selbstuntersuchung
Den Unterberger Tretversuch können Sie selbst zu Hause leicht durchführen, um zu sehen, ob Sie einen Innenohr-Schwindel (Drehschwindel) haben. Der Innenohr-Schwindel wird auch „peripherer Schwindel“ genannt, weil er nicht vom Zentralen Nervensystem ausgeht. Der Innenohr-Schwindel, so unangenehm er ist, ist häufig harmlos. Schauen Sie auf einen festen Gegenstand vor sich. Schließen Sie die Augen und treten Sie 50-mal mit eng aneinanderstehenden Beinen auf der Stelle. Wenn Sie die Augen öffnen und sich nicht mehr als 45° vom Gegenstand abgewendet haben, haben Sie wahrscheinlich keinen Innenohrschwindel. Bei einem Innenohr-Schwindel drehen sich die Betroffenen manchmal um 90 Grad oder mehr, ohne es zu bemerken.
Genaue Anamnese ist das wichtigste
Die Ursache des Schwindels kann meistens allein durch die Beschreibung der Symptome gefunden werden. Der Arzt unterscheidet zwischen dem Innenohrschwindel und dem Schwindel, der durch Hirnschädigungen hervorgerufen wird. Gehirn und Hirnstamm zählen zum zentralen Nervensystem, das Innenohr gehört zum „peripheren Nervensystem“ (= „äußeren Nervensystem“, außerhalb des Gehirns liegend). Daher leiten sich auch die Begriffe „zentraler“ und „peripherer Schwindel“ ab. Der Innenohrschwindel (peripherer Schwindel) äußert sich durch plötzlichen Drehschwindel und häufig auch durch zittrige Augenbewegungen (Nystagmus), wie sie z.B. nach dem Karusselfahren oder bei Zugfahrten auftreten. Der zentrale Schwindel ruft eher unbestimmte Schwindelgefühle hervor. Häufig leiden alte Menschen darunter, z.B. nach einem Schlaganfall. Viele jüngere Menschen mit unklarem Schwindel finden häufig gar keine Antwort darauf, woher ihre Schwindelgefühle kommen. Die Ärzte vermuten dann meistens „Kreislaufbeschwerden“ oder einen psychisch bedingten Schwindel.
Beispiele für peripheren Schwindel (= Innenohrschwindel)
• Reisekrankheit (Kinetose)
• Paroxysmaler (= gelegentlicher) Lagerungsschwindel, bei dem Kalksteinchen in den Bogengängen des Innenohrs vermutet werden (Kupulolithiasis). Lageänderungen, wie z.B. das Aufstehen, führen dann zum kurzzeitigen Schwindel.
• Entzündung oder Ausfall des Gleichgewichtsnerven (Neuronitis vestibularis), z.B. während oder nach Infekten (Grippe, Erkältung, Mittelohrentzündung)
• Morbus Menière: ein anfallsartiger Schwindel, meistens verbunden mit Ohrgeräuschen (Tinnitus) und Hörminderung
Cogan-Syndrom
Beispiele für zentralen Schwindel
• Schwindel bei Multipler Sklerose (hier stehen jedoch meist andere Symptome im Vordergrund wie z.B. Sehstörungen, Taubheitsgefühle oder Kribbeln in den Beinen)
• Schwindel nach Schlaganfällen oder anderen Verletzungen des Gehirns
• Schädigungen des Hirnstamms, z.B. nach einem Unfall
• Akustikusneurinom (gutartig), ausgehend vom Kleinhirn (Kleinhirnbrückenwinkel-Tumor)
Als systemischer Schwindel wird der kreislaufbedingte Schwindel bezeichnet, wie er z.B. nach dem Blutspenden oder bei niedrigem Blutdruck auftritt. Der „systemische Schwindel“ bzw. die „Kreislaufprobleme“ sind eine typisch deutsche Krankheit. In anderen Ländern sind Kreislaufprobleme kaum bekannt. Es gibt jedoch Kulturen, die für den Schwindel viele Worte haben, da er dort eine große Rolle spielt.
Falsche Scham zögert Linderung hinaus
Nicht zuletzt ist die Suche nach psychischen Ursachen sinnvoll, doch viele haben Hemmungen, aufgrund von Schwindel zum Psychotherapeuten zu gehen. Viele ziehen es vor, sich mit der Verlegenheitsdiagnose „Das kommt von der Halswirbelsäule“ (Zervikalsyndrom) zufrieden zu geben. Doch meistens sind es verkrampfte Muskeln im Nacken und im Rücken, die zu den Schwindelgefühlen führen können. Hier kann Muskeltraining helfen.
Schwindel im Zusammenhang mit kritischen Lebensereignissen
Schwindel bedeutet sowohl körperlich als auch seelisch den Verlust des Gleichgewichts. Natürlich ist das Wort auch mit der Bedeutung des „Schwindelns“, also des Lügens und Betrügens verknüpft, darum fühlen sich manche Patienten auch irgendwie schuldig.
Nicht selten taucht der Schwindel in Lebensphasen auf, die von Unsicherheit und Veränderung geprägt sind: Wenn durch eine Trennung, durch Umzug oder die Geburt eines Kindes zeitweise der Boden unter den Füßen verloren geht, dann kann die Seele so überfordert sein, dass sich diese Überforderung als Schwindel äußert.
In einer gewissen Art lenkt der Schwindel von den eigentlichen Problemen ab. Trauer, Angst, Sorgen oder Wünsche und Phantasien werden nicht mehr wahrgenommen. Wenn Gefühle durch körperliche Symptome wie Schwindel ersetzt werden, spricht der Psychologe von Affektäquivalent oder auch von einer Konversionsstörung. Wenn eine Frau einem Mann „den Kopf verdreht“, können Gewissensbisse durch körperliche Symptome verdeckt werden. Solche Zusammenhänge lassen sich oft nur in einer Psychotherapie verstehen. Viele seelische Probleme werden zudem von Schwindel begleitet, z.B. Angsstörungen oder hysterische Neurosen.
Therapie des Schwindels
Handelt es sich um eine plötzlichen Drehschwindel, der durch eine Störung im Innenohr verursacht wird, helfen nur einige Tage Bettruhe und Medikamente gegen den akuten Schwindel (Antivertiginosa). Es sind Mittel (eigentlich oft Beruhigungsmittel), die man auch bei der Reisekrankheit verwendet. Sie sollten jedoch nur wenige Tage eingenommen werden, denn sonst hindern die Medikamente das Gehirn daran, neue Wege zur Herstellung des Gleichgewichts zu finden.
Akut geht es vielen Menschen am besten, wenn sie die Augen geschlossen halten. Anderen hilft es, auf eine Lampe zu schauen. Die äußere Orientierung ist zeitweilig verloren, aber sie kommt zurück. Oft ist es hilfreich, wenn ein vertrauter Mensch die Hand drückt. Der Tastsinn funktioniert und auf ihn kann man sich verlassen.
Blutverdünnende Mittel nicht sicher wirksam
Manche Ärzte behandeln ihre Patienten mit blutverdünnenden oder durchblutungsfördernden Wirkstoffen, z.B. mit Hydroxyethylstärke (HAES) oder Pentoxiphyllin. Ob diese Therapien wirksam sind, ist jedoch sehr umstritten. Ich persönlich würde solche eine Infusionstherapie nicht bei mir durchführen lassen.
Bei psychisch bedingtem Schwindel kann eine tiefenpsychologisch orientierte Therapie dabei helfen, den Zusammenhang zwischen Psyche und Schwindel zu verstehen. Adressen gibt es z. B. bei der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychothearpie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie, DGPT.
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Das Cogan-Syndrom
Links:
Deutsche Tinnitus-Liga e.V. (DTL),
www.tinnitus-liga.de
KIMM e.V.: Kontakte und Informationen für Morbus Menière
Quellen:
Stephan Ahrens:
Lehrbuch der Psychotherapeutischen Medizin
Schattauer 1997: 334–343
Eckhardt A, Tettenborn B, Krauthauser H:
Schwindel und Angsterkrankungen – Ergebnisse einer interdisziplinären Untersuchung
Laryngorhinootologie 1996, 75: 517–522
Masuhr KF, Neumann M:
Neurologie. Duale Reihe
MLP, Hippokrates Verlag Stuttgart, 1992
Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am: 27.6.2006
Aktualisiert am 3.8.2015