Wenn wir in uns hinein spüren, dann spüren wir ihn: den psychischen Raum. Hier schweifen unsere Gedanken umher, hier liegen unsere Wünsche, Vorstellungen, Träumereien, Ängste, Konflikte, Problemlösungsversuche, Ideen, Beziehungsvorstellungen (Repräsentanzen), Gefühle und Sehnsüchte. Der psychische Raum ist der Raum, in dem wir all dies von links nach rechts schieben können, es betrachten können, darüber nachdenken können, Gefühle verdauen und steuern können usw. Der psychische Raum will reifen und geschützt werden. Doch wie ist er entstanden? (Text & Bild: © Dunja Voos)
Manchmal bleibt nur ein kleiner Spalt
Manchmal haben wir das Gefühl, unser psychischer Raum bricht zusammen: Wenn wir einem anderen Menschen gegenüberstehen und uns in einem Spannungszustand befinden, ist es vorbei mit dem Nachdenken und Gefühle-Regulieren. Wir sagen: „Ich weiß überhaupt nichts mehr“. Wir fühlen uns gelähmt, empfinden nichts oder müssen unsere Gefühle direkt los werden.
Ob wir viel oder wenig „inneren Spielraum“ haben, hängt von vielen Faktoren ab: Haben wir ein riesiges Über-Ich, kann es das „Ich“ sehr einengen und quetschen. Jeder Wunsch wird direkt durch ein „Ja, aber“ gestoppt. Haben wir lange unsere Bedürfnisse unterdrückt, dann kann es sich anfühlen, als wollte innerlich ein riesiger Damm brechen. Ein anderes Mal wiederum fühlen wir uns frei und halten alles für möglich.
Psychischer Raum entsteht durch Beziehung
Gesunde Kinder kommen mit dem Wunsch nach Beziehung zur Welt. Sie treten sofort in Kontakt mit denen, die sie nach der Geburt aufnehmen. Sie zeigen dem Erwachsenen ihre Gefühle. Der gesunde Erwachsene kann sich einfühlen und beginnt sofort, die Gefühle des Säuglings aufzunehmen. Er hat den Drang, den Säugling zu beruhigen und seine Bedürfnisse zu befriedigen. Diese früheste Kommunikation außerhalb des Mutterleibs schafft bereits schon einen psychischen Raum. Viele dieser Prozesse beginnen schon innerhalb des Mutterleibs.
Container- und Alpha-Funktion der Mutter
Die junge Mutter schaut ihren Säugling an und nimmt seine Gefühle auf. Sie fühlt sich anfangs Eins mit dem Säugling und hat nur Ohren und Augen für ihn. Der Säugling und später das Kind kommt mit seinen unaushaltbaren Gefühlen zur Mutter/zum Vater/zu den Großeltern usw. Die Großen kommunizieren in bestimmter Weise mit den Babys: Sie „markieren“ ihre Gesichtsausdrücke. „Oh, hast du Hunger, Kleines?“, sagen sie mit übertriebener Mimik. Oder sie imitieren sein Gähnen und sagen: „So müde bist Du?“ Die Mimik und die Worte des Erwachsenen erreichen den Säugling. Sie beruhigen ihn. Wenn Erwachsene oft genug über das Kind nachdenken, so lernt das Kind langsam, über sich selbst nachzudenken.
Ein empfindliches System
Nimmt der Erwachsene die Nöte des Babys auf und befindet sich selbst gerade in innerlicher Not, dann hat das Kind das Gefühl, es hätte den anderen mit seinen Gefühlen angesteckt. Es verschwimmt die Grenze zwischen „Ich“ und dem „Anderen“. Wenn der Erwachsene sich jedoch zu wenig in das Kind einfühlen kann, dann wird das Kind auf sich selbst zurückgeworfen. In Experimenten zeigt sich: Lächelt das Baby die Mutter an und lächelt die Mutter nicht zurück, macht das das Baby höchst unruhig.
Wenn die Kommunikation mit Mutter, Vater und anderen Erwachsenen abertausende Male geschehen ist, kann das Kind sich immer besser selbst beruhigen. Es hat sich seinen eigenen inneren Container geschaffen, in den er Gefühle und Probleme legen kann. Er hat ein inneres Bild von den Erwachsenen, die ihn einst beruhigt haben und behandelt sich jetzt so, wie er selbst behandelt wurde. War zunächst die Mutter der „Haupt-Container“ für das Kind, so kommen mehr und mehr bedeutsame Menschen hinzu.
Auch Containment kann missglücken
Das Kind erlebt die Mutter/den Vater als jemanden, an den es seine Gefühle abgeben kann bzw. mit denen es seine Gefühle teilen kann. Das Kind teilt sich mit und die Großen reagieren darauf. Das Kind kommt weinend zur Mutter/zum Vater gelaufen. Mutter/Vater nehmen es auf den Arm und trösten es. Das Kind erlebt, dass es hier um seine eigenen Gefühle geht. Es war vielleicht so wütend, ängstlich, hungrig, dass es Mutter/Vater damit „angesteckt“ hat. Doch der gesunde Erwachsene kann sagen: „So aufgeregt ist mein Kind? Ich möchte ihm helfen.“
Ist der „Erwachsenen-Container“ verstopft, steht das Kind ganz alleine da. Es entsteht ein Gefühl von Kälte, großer Einsamkeit und Verzagtheit. Auch Hoffnungslosigkeit ist die Folge. Das eigene Gefühl kann nicht mehr verstanden, nicht mehr verdaut werden. Es macht das Kind unruhig.
„Zu viel“ Einfühlungsvermögen
Ist der „Erwachsenen-Container“ sozusagen zu groß, dann kann das Kind sich im anderen verlieren. Wenn der Erwachsene selbst sehr bedürftig und einsam ist, wenn er selbst seine Gefühle und Ängste verdrängt hat, dann kommt ihm die Angst des Kindes gelegen. Wir kennen das vielleicht: Wenn wir im Aufzug stecken bleiben, macht uns das Angst. Wenn aber ein ängstliches Kind neben uns steht, dann sind wir abgelenkt. Wir beruhigen es und spüren dadurch die eigene Angst weniger. In gewissem Maße ist das gesund. Doch manch ein bedürftiger Erwachsener lebt sozusagen davon, dass das Kind Angst hat und seine Gefühle bei ihm abgeben will. Dann entsteht eine ungute Abhängigkeit. Das Kind bleibt in Angst an der Mutter/am Vater kleben. Der Erwachsene „verdaut“ nichts für das Kind, sondern saugt seine Gefühle sozusagen auf. Doch wenn das Kind seine Gefühle nie in reifer Form zurück erhält, wenn es nicht gespiegelt, sondern sozusagen absorbiert wird, lernt es sich selbst kaum kennen.
Gleichgewicht ist wichtig
Wir alle haben Schwächen, Frustrationen und Unverarbeitetes in uns. Und doch können wir im Alltag meistens sagen: Damit kommen wir klar, das ist ein normales Maß. In dieser Position kann man einem Kind gut helfen, seinen psychischen Raum reifen zu lassen. Wann immer das Gleichgewicht zu sehr gestört ist, macht sich das meistens durch Leidensdruck bemerkbar: „Hier stimmt was nicht“, spürt man. Dass „etwas nicht stimmt“, kann durch viele Faktoren verursacht sein: Große Geldnot vielleicht, eine schwere Erkrankung oder die eigene Unfähigkeit, Gefühle in Worte zu fassen, weil man selbst nie genug Beziehungen hatte, in denen man reifen konnte.
Ein gesunder, weitläufiger und doch begrenzter psychischer Raum entsteht bei Kindern über die Beziehung zu gesunden, reifen Erwachsenen. Wie wichtig Beziehung ist, kann gar nicht oft genug betont werden. Es ist wichtig, dass die Menschen, die Erwachsenen, Eltern, Lehrer, Erzieher und Psychotherapeuten ein gutes Gespür dafür haben, dass sie selbst allein durch die Beziehung zum Kind/zum anderen unglaublich viel bewirken können.
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