Quantcast
Channel:
Viewing all articles
Browse latest Browse all 641

Rumpelstilzchen – was, wenn man sich selbst so fühlt?

$
0
0

rumpelstilzchenWenn das Märchen „Rumpelstilzchen“ interpretiert wird, liegt der Schwerpunkt häufig auf der Müllerstochter, die sich zur Frau entwickelt und viele Hürden überwinden muss (Beispiel: maerchen-cut.de). Märchen helfen, die eigene Innenwelt zu verstehen. Was aber, wenn man das Märchen aus Sicht des Rumpelstilzchens betrachtet? Was, wenn man sich so fühlt, als sei man das Rumpelstilzchen selbst? (Text & Bild: © Dunja Voos)

Das Rumpelstilzchen ist einsam

Das Rumpelstilzchen ist ausgeschlossen von dieser Welt. Es ist einsam und hässlich. Es schämt sich – sobald es erkannt wird, versinkt es im Boden. Es verrät sich selbst. Es ist selbst noch ein Kind. Es hilft der Prinzessin, am Leben zu bleiben und ihren König zu heiraten – und es geht selbst leer aus. Es hat selbst zu wenig Liebe erhalten, es ist nicht liebenswert, nur nützlich. Wenn es seine Arbeit getan hat, muss es gehen.

Undenkbar für das Rumpelstilzchen, selbst einmal eine Frau zu finden und selbst ein Kind zu bekommen. Daher kommt es auf die Idee, ein Kind zu stehlen. So, wie es selbst ist, sieht es keine Chance, auf anderem Wege aus der Einsamkeit zu finden. Fast gelingt es ihm: Das vermeintliche Glück ist gerade vor seiner Nase, als die Königin Rumpelstilzchens Namen errät, es erkennt. Es muss für andere schrecklich sein zu erkennen, wie es wirklich ist – so vielleicht seine Phantasie. Vor Wut und Scham zerreißt es sich. Es versinkt vor Scham im Boden.

Ein Rumpelstilzchen ist ein „Treibstock, der in wasserbetriebenen Mühlen den Rüttelschuh immer gleichmäßig arbeiten lässt …“ (Quelle: Günter H. Seidler: Rumpelstilzchen auf der Couch, V&R 1990, S. 263, http://psydok.psycharchives.de/jspui/handle/20.500.11780/1262)

Hat das Rumpelstilzchen eine Chance?

Vielleicht fühlt sich so manches Kind oder so mancher Erwachsener selbst wie ein Rumpelstilzchen – genauso sonderbar, unansehnlich, irgendwie „verkrüppelt“ und einsam. Das Rumpelstilzchen hasst sich selbst. Es nimmt kaum Kontakt zu anderen auf, ist ein Außenseiter. Hass, Neid auf die Liebe anderer und Zerstörungswut erfüllen es. Es glaubt nicht daran, dass es ihm einmal möglich sein wird, dasselbe Glück zu erfahren wie andere auch: Liebe, Partnerschaft, Familie, Kinder.

Jedes Rumpelstilzchen braucht andere Menschen

Wahrscheinlich fühlt sich jeder dann und wann wie Rumpelstilzchen: Isoliert, einsam, namenlos. Menschen, die am Rande unserer Gesellschaft stehen, fühlen sich wahrscheinlich öfter so. Doch auch Rumpelstilzchen haben Chancen auf ein besseres Leben – dazu gehört oft das Glück, auf andere Menschen zu treffen, die ihnen in neue Welten verhelfen. Zu diesem Glück kann man selbst beitragen, indem man Hilfe sucht und annimmt.

Weitere Interpretationsmöglichkeiten:
Die frühe Angst der Mutter, das Kind doch noch zu verlieren, verschwindet, sobald sie einen Namen für „das Kind“ gefunden hat. Das Kind ist nun in gesunder Weise getrennt von ihr, aber sie darf es auch behalten. Die Bedrohung verschwindet ins Unbewusste.

Katharina Thalbach spielt das Rumpelstilzchen

Schaut man sich die deutsch-österreichische Verfilmung des Rumpelstilzchens aus dem Jahr 2006 an, so sieht man: Rumpelstilzchen wird von der wunderbaren Katharina Thalbach gespielt. In dem kleinen Hutzelmännchen steckt eine großartige Schaulspielerin.

rumpelstilzchen_2006_Rumpelstilzchen
Filmmusik: Christoph Zirngibl
Produktion: provobis
Müllerstochter Marie: Marie Christine Friedrich,
König: Sebastian David Fischer
Rumpelstilzchen: Katharina Thalbach
DVD bei amazon


Verwandte Artikel in diesem Blog:

Scham und unbewusste Phantasie – die Scham in der Psychoanalyse

Links:

Seidler, Günter H.
Rumpelstilzchen auf der Couch –
ein Ensemble von Scham-, Identitäts- und Vaterthematik
Verlag Vandenhoeck&Ruprecht, 1990
psydok.psycharchives.de/jspui/handle/20.500.11780/1262

Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 9.12.2013
Aktualisiert am 21.9.2016


Viewing all articles
Browse latest Browse all 641