Wohl die meisten Menschen haben in ihrem Leben schon Erfahrungen gemacht, von denen sie sagen: „Das muss Telepathie (Gedankenübertragung) gewesen sein.“ Wohl jeder hat schon erlebt, dass das Telefon klingelt und es ist derjenige dran, an den man gerade gedacht hat. Manchmal fühlt sich das unheimlich an: Was, wenn es Telepathie gibt? Dann kann man doch auch Böses damit anstellen, oder? Gerade in der Psychoanalyse, in der es um die Kommunikation von „Unbewusst zu Unbewusst“ geht, vermuten gerade Patienten häufig eine „Gedankenübertragung“. Auch Sigmund Freud machte sich darüber Gedanken. (Text & Bild: © Dunja Voos)
Gut erklärbar
„Gruselig – das ist ja wie Gedankenübertragung“, sagt eine Psychoanalyse-Patientin, die auf der Couch liegt. Aus Sicht des Psychoanalytikers, der hinter der Couch sitzt, war es keine Gedankenübertragung, denn das, was die Patientin vorher erzählte, führte ihn automatisch zu den Gedanken, die er dann laut äußert. Häufig baut sich ein Bild auf und wenn der Analytiker seine Deutung gibt, sagt der Patient: „Da musste ich auch gerade dann denken.“ Oder aber der Analytiker sagt infolge der Erzählungen des Patienten, dass ihm gerade Ähnliches durch den Kopf ging. Man könnte hier an Gedankenübertragung denken, aber wenn man den Dialog genau verfolgt, dann ist doch meistens klar, wie das gemeinsame Denken zustande kam. Wenn jemand sagt: „Da steht was mit einem Dach auf der Wiese“, dann denken wohl die meisten an ein Haus, eine Hütte oder einen Stall. Hier werden innere Bilder vervollständigt.
Nicht gut erklärbar
Dann aber gibt es die Begebenheiten, die nicht so gut erklärbar sind: Paare träumen vielleicht dasselbe. Die Ehepartnerin spürt, dass ihr Mann in der Ferne gerade verunfallt. Da träumen zwei Patienten fast dasselbe (Literaturstelle folgt). Und junge Mütter werden nachts wach, kurz bevor ihr Kind erwacht – sie spüren, wenn es dem Kind nicht gut geht.
„Der telepathische Vorgang soll ja darin bestehen, dass ein seelischer Akt der einen Person den nämlichen seelischen Akt bei einer anderen Person anregt. Was zwischen den beiden seelischen Akten liegt, kann leicht ein physikalischer Vorgang sein, in den sich das Psychische an einem Ende umsetzt und der sich am anderen Ende wieder in das gleiche Psychische umsetzt. Die Analogie mit anderen Umsetzungen wie beim Sprechen und Hören am Telephon wäre dann unverkennbar.
Und denken Sie, wenn man dieses physikalischen Äquivalents des psychischen Akts habhaft werden könnte! Ich möchte sagen, durch die Einschiebung des Unbewussten zwischen das Physikalische und das bis dahin »psychisch« Genannte hat uns die Psychoanalyse für die Annahme solcher Vorgänge wie die Telepathie vorbereitet.
Gewöhnt man sich erst an die Vorstellung der Telepathie, so kann man mit ihr viel ausrichten, allerdings vorläufig nur in der Phantasie. Man weiß bekanntlich nicht, wie der Gesamtwille in den großen Insektenstaaten zustande kommt. Möglicherweise geschieht es auf dem Wege solch direkter psychischer Übertragung. …
Das ist alles noch unsicher und voll von ungelösten Rätseln, aber es ist kein Grund zum Erschrecken….
Wenn es eine Telepathie als realen Vorgang gibt, so kann man trotz ihrer schweren Erweisbarkeit vermuten, dass sie ein recht häufiges Phänomen ist.
Es würde unseren Erwartungen entsprechen, wenn wir sie gerade im Seelenleben des Kindes aufzeigen könnten. Man wird da an die häufige Angstvorstellung der Kinder erinnert, dass die Eltern alle ihre Gedanken kennen, ohne dass sie sie ihnen mitgeteilt hätten, das volle Gegenstück und vielleicht die Quelle des Glaubens Erwachsener an die Allwissenheit Gottes.“
(Sigmund Freud (1933): 30. Vorlesung: Traum und Okkultismus, Projekt Gutenberg)
Die Angst vor der Telepathie
Viele Menschen haben Angst vor der Telepathie. Telepathie hängt eng mit der Vorstellung zusammen, man könnte jemand anderem böse Gedanken schicken und ihn beeinflussen. Freud beschreibt das Empfinden eines Jungen, der eine Handlung ausführte, die zeitlich mit den Gedanken der Mutter zusammenhingen: „… die Handlung hatte sich wie ein Fremdkörper in das Leben des Kindes an jenem Tage eingedrängt.“
Geschwächt, rissig, bröckelig
Vor der Telepathie fürchten sich besonders psychisch geschwächte Menschen, die vielleicht Eltern hatten, die ihnen immer sagten, sie seien für sie „wie aus Glas“. Es sind Menschen mit wenig Rückhalt und einem geschwächten Ich, denen der Gedanke an die Telepathie besonders große Angst macht. Sie fühlen sich oft „bröckelig“ und „dünnhäutig“. Man könnte es vielleicht mit einem Neurodermitiker vergleichen: Durch die Neurodermitis ist die äußerste Barriere geschwächt und Äußeres wie z.B. Fruchtsäuren, werden als schmerzhaft empfunden. Es gibt Tage, da ist es, als sei unsere Seele „dünnhäutig“ – sie reagiert empfindlicher auf äußere Einflüsse als sonst.
Die Sinne außer Gefecht
Telepathische Erfahrungen macht man gerne in einem Zustand, in dem sozusagen die Sinne geschwächt sind: wenn man schläfrig, ausgehungert, übermüdet, überreizt oder fiebrig ist. Menschen mit einer Angststörung fühlen sich häufig der Psychose nah. Sie haben das Gefühl, nicht mehr Herr über sich selbst zu sein und kommen sich leicht gesteuert vor. Es ist, als ob die Angst etwas mit ihnen macht, als ob da jemand von außen etwas mit ihnen macht. Vielen Patienten mit einer schweren psychischen Störung geht es besser, wenn sie den Kontakt mit nahen Verwandten abbrechen, bei denen sie oft das Gefühl hatten, sie könnten sie verrückt machen.
Was stärkt
Schon allein die Gedanken über Telepathie können bei vielen regelrechte Panikattacken auslösen. Eine Gänsehaut entsteht, alles fühlt sich schwebend an, die Hautleitfähigkeit ist erhöht (Lader & Mathews, 1970). Was Angst macht, ist das Gefühl, dass eine Grenze fehlt. Daher stärkt alles, was das „Grenzgefühl“ stärkt: Sich behaupten, Wut spüren, heiß oder kalt duschen, Sport treiben, heiße oder kalte Getränke trinken, starke Düfte riechen etc. Alles „Körperliche“ kann von den Angstgefühlen, die bei den Gedanken an die Telepathie bestehen, wieder wegführen. Allerdings nicht immer: Viele Angstpatienten leiden selbst beim Joggen und Schwimmen unter Angst. Hier stehen noch viele Fragen offen.
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Literatur:
Sigmund Freud: 30. Vorlesung:
Traum und Okkultismus
gutenberg.spiegel.de/buch/-925/2
James Strachey (englische Version):
Psychoanalysis and Telepathy
1953, In: Psychoanalysis and the Occult. New York, International Universities Press, S. 56-68, PDF
Malcolm Lader, Andrew Mathews (1970):
Physiological changes during spontaneous panic attacks
University of Oxford
Journal of Psychosomatic Research, December 1970Volume 14, Issue 4, Pages 377–382
DOI: http://dx.doi.org/10.1016/0022-3999(70)90004-8
www.jpsychores.com/article/0022-3999(70)90004-8/abstract