„Sag mal – wie sprichst Du eigentlich mit mir?“, fragen wir vorwurfsvoll den anderen. Doch was ist mit uns selbst? Wie sprechen wir mit uns? Vielen fällt es leicht, freundlich zu anderen zu sein. Wir sprechen anderen Mut zu, sagen ihnen: „Kopf hoch!“ und „Sei nicht so streng mit Dir.“ Doch wer einmal auf seine Selbstgespräche achtet, wird möglicherweise feststellen, dass diese nicht die nettesten sind. (Text & Bild: Dunja Voos)
Harsche Worte
Da sagt man sich: „Mensch, jetzt reiß‘ Dich aber mal zusammen“, oder „Das verzeih‘ ich mir nie“, oder „Da hab‘ ich mich total daneben benommen!“ Wie wir mit uns selbst reden, hängt unweigerlich damit zusammen, wie unsere Eltern mit uns sprachen. Und was die Eltern uns sagten, kann man sehr einfach herausfinden: Man muss sich bloß selbst zuhören.
Was wir hörten, ist immer noch da
Wenn wir mit unseren Kindern sprechen, machen wir manchmal den Mund auf, hören uns selbst und sind erschrocken: „Oh Nein!“, denken wir, „Diesen Satz konnte ich selbst als Kind nicht ausstehen. Und nun sage ich ihn zu meinem Kind!“ Was die Eltern uns sagten, ist damit verknüpft, was sie über uns glaubten. Und dieser Glaube ist es, den sie an uns weitergegeben haben, der sich psychologisch vererbt hat.
Wenig Zutrauen
Wir glauben oft nicht wirklich, dass unsere Kinder soziale Wesen sind. Wir glauben, sie würden nicht teilen, wenn wir sie nicht dazu auffordern würden. Wir glauben, dass sie nicht von sich aus „Danke“ oder „Bitte“ sagen, dass sie etwas nicht bedauern und sich nicht entschuldigen würden. Dabei müssten wir oft nur etwas abwarten – dann könnten wir entdecken, dass in den Kindern all dies steckt: Sie wollen Verletzungen wiedergutmachen, sie schauen uns dankbar an, sie teilen oft bei der nächsten Gelegenheit und geben freiwillig ab. Wir brauchen nur einmal die Muße, um das zu beobachten und auch um die etwas andere Sprache der Kinder zu verstehen.
Wir haben das Bild von uns, das unsere Eltern von uns hatten
Wir schauen uns mit zweifelnden Argusaugen an. Und wenn uns etwas misslingt, sagen wir uns: „Ich hab’s ja gleich gewusst!“ Wir ziehen und zerren an uns in Gedanken. Manchmal führen Schuldgefühle dazu, dass wir so strafend mit uns sprechen und dass wir uns selbst mit unseren eigenen Sätzen quälen.
Mutter oder Vater, die uns früher straften, haben wir als strafende Instanz in unsere eigene Psyche eingebaut. Wir erledigen es jetzt selbst, uns zu strafen. Wir glauben jetzt von uns selbst, wir seien undankbar, wir würden unsere Aufgaben als Eltern nicht gut machen, wir wären eben einfach nicht liebenswert.
Andere können uns helfen
Vieles können wir uns in angespannten Situationen nicht so gut selbst sagen. Wir brauchen den Freund oder die Freundin, die uns sagen: „Du schaffst das! Du machst das doch gut!“ Mut müssen wir uns manchmal von außen zusprechen lassen, damit es uns besser geht. Wenn wir dann wieder alleine sind, hilft es uns, wenn wir uns daran erinnern, wie uns der Freund Mut machte. Wir können dann innerlich seine Sätze wiederholen. Auf „psychoanalytisch“ heißt das: Der Freund ist in unserer Seele „repräsentiert“, er ist eine gute „Repräsentanz“.
Wenn wir in der Kindheit, als Heranwachsende und als Erwachsene häufig genug mit Menschen zusammen sind, die uns Gutes wollen, die eben wohlwollend sind und uns freundlich behandeln, dann übernehmen wir diese Art für uns selbst: Wir blicken liebevoll auf uns, wir sind geduldig mit uns selbst, wir sprechen freundlich mit uns. Wir haben uns die freundliche Art des anderen zu eigen gemacht. Und so erhalten wir eine freundliche „Selbstrepräsentanz“.
Beobachten, was wir uns selbst sagen
Es ist interessant, wenn wir uns selbst genauer beobachten. Wie sprechen wir eigentlich mit uns selbst? Was sagen wir uns den ganzen Tag? Sich das einmal bewusst zu machen, heißt, den Automatismus zu stoppen. Wenn wir unseren Kindern automatisch etwas gesagt haben, was wir selbst nie hören wollten, stehen wir oft hilflos vor diesem Vorgang. Doch können wir uns einmal fragen, welcher Glaube hinter diesem oder jenem Satz steckt. Wir können das, was wir von unseren Kindern und von uns selbst glauben, in Frage stellen. Dann treten wir aus unseren festen Mauer heraus und können sehen, wie dieses Mauersteinchen dahingekommen ist, wo es so fest steckte. Vielleicht heißt dieses Mauersteinchen: „Reiß dich zusammen.“ Wenn wir es betrachten und verstanden haben, können wir es vielleicht aufhübschen oder ersetzen. Dann können wir uns sagen: „Ich darf auch mal versagen. Ich darf meine Angst und meinen Zweifel zeigen, ich kann mich trösten. Ich darf jetzt diese Situation verlassen – sie war sowieso nicht das, was ich wollte.“
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Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 28.7.2012.
Aktualisiert am 12.6.2016