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Wie den beruflichen Traum erfüllen/Psychoanalytiker werden, wenn das Geld fehlt?

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traumberuf_I„Ich würde so gerne Psychoanalytiker/in werden, aber für die Ausbildung fehlt mir das Geld“, sagen viele. Sie rechnen sich aus, was die Ausbildung kostet und was sie verdienen – und geben auf. Aber fangen wir mal bei Null an. Fangen wir beim Denken und Fühlen an. Am Anfang heißt es: „Ich würde ja gerne, aber es geht nicht.“ Man könnte auch sagen: „Ich will das so unbedingt! Ich könnte mir kaum etwas Schöneres vorstellen! Und ich bin total verzweifelt, dass das aus finanziellen Gründen nicht geht.“ (Text: Dunja Voos, Bild: Julia)

Wie stark sind die Gefühle?

Wichtig ist es erst einmal, sich die Gefühle zu verdeutlichen, die mit dem Berufswunsch verbunden sind. Ist die Sehnsucht wirklich da? Oder unterdrückt man sie, weil die Hoffnungslosigkeit zu groß ist? An dieser Stelle möchte ich die Autorin und Gründerin der „körperzentrierten Herzensarbeit“ Safi Nidiaye vorstellen. In ihrem Youtube-Film „Wünsche – die Sehnsucht befreien“ (https://youtu.be/ybu4rRXesgs) erzählt sie, wie wichtig es ist, dass man es für möglich hält, dass die eigenen Wünsche in Erfüllung gehen. Das Herz braucht es sozusagen, dass man die Erfüllung des Wunsches für möglich hält – und das ist gar nicht so einfach.

Träumen nicht vergessen!

Momente halten

Es gibt Momente, in denen die Idee auftaucht, dass es möglich werden könnte. Diese kleinen Momente sind es, die man als wertvoll erkennen und innerlich einbetten sollte. Außerdem kann man sich eine Schatzkiste an Vorbildern anlegen. Zum Beispiel hat arte.tv eine Sendereihe über „Frauen und Ozeane“ gedreht. Die Wal-Retterin Nan Hauser hat immer finanzielle Probleme und trotzdem erreicht sie es, Schutzgebiete für Wale einzurichten. Der Film „Nan Hauser – Wege der Wale“ ist sehr beeindruckend.

Erst wollen, dann für möglich halten

Sobald man weiß: „Genau das will ich!“, folgt die Frage: „Wie kann ich es möglich machen?“, oder besser gesagt: „Wie kann es möglich werden?“ Manchmal braucht man an dieser Stelle oft selbst erst eine Psychoanalyse oder ein gutes Coaching, denn es kann durchaus sein, dass man sich diesen Weg nicht erlaubt. Immer wieder verbarrikadiert man sich den Weg gegen den eigenen Willen. Dahinter können auch körperliche Bilder stecken wie z.B. die Angst, man würde den neuen Beruf aus körperlichen Gründen nicht aushalten oder durchhalten.

Sich Zeit lassen

Nach einiger Zeit mag man also zu dem Punkt kommen, an dem man sicher ist, dass man den neuen Weg gehen möchte, dass man Psychoanalytiker werden will oder einen anderen Traumberuf erreichen will. Dann steht man immer noch vor dem finanziellen Problem, aber man ist vielleicht offen geworden für die Möglichkeiten, die es gibt. Die amerikanische Yogalehrerin Sean Corn wollte zum Beispiel nie etwas anderes machen als Yoga, aber sie hatte kein Geld für die Kurse. Also fing sie als Putzfrau in einem Yogazentrum an, sodass sie die Kurse von anerkannten Yogalehrern besuchen konnte, ohne etwas zu bezahlen (siehe Youtube: Sean Corn: An Uncommon Yogini). Eine große innere Beweglichkeit und Offenheit hilft also, neue Wege zu finden.

Das Wort „Realität“ ist mehr Bremse als Hilfe. Genau wie das Wort „Business-Plan“.

Eigene Erfahrungen

Auch ich selbst habe mich auf den Weg gemacht, Psychoanalytikerin zu werden, obwohl das Geld fehlte und immer wieder erneut fehlt. Über viele Jahre muss man es aushalten, dass es immer wieder äußerst knapp werden kann. Ich habe zu Beginn der Ausbildung eine Crowdfunding-Aktion gestartet – damals war krautreporter.de noch eine Crowdfunding-Plattform. Ein Bekannter dreht beruflich Youtube-Videos, also habe ich ihn gefragt und so sind wir einen Tag lang ausgeflogen, um einen zweiminütigen Crowdfunding-Film zu erstellen („Psychoanalytikerin werden“/Video by Outgroove.com).

Zweifel gehören dazu

Immer im Hinterkopf die Zweifel: Darf ich das? Wird die Crowdfunding-Aktion meiner Ausbildung oder meiner Beziehung zu den Patienten schaden? Soll ich öffentlich zeigen, dass mir das Geld für die Ausbildung fehlt? Durch die Crowdfunding-Aktion gewann ich 3000 Euro – es war unglaublich viel Arbeit und wie ein zweimonatiger Ganztagsjob. Aber durch diese Aktion fand ich Menschen. Das ist überhaupt das Wertvollste in dieser Zeit: gute Menschen zu finden, die einen unterstützen. Es ist ähnlich wie bei Menschen mit einer schweren Krankheit: Es zeigt sich, welche Freunde bei einem bleiben und welche es nicht mittragen können.

geld_kommt_IIDie Lehranalyse kostet pro Monat etwa 1200 Euro. Also konnte ich mit dem Crowdfunding-Geld erst einmal eine kleine Strecke überwinden. In dieser Zeit mailte mir eine Freundin: „Schau mal auf dein Konto.“ Sie hatte mir einfach so einen großzügigen Betrag überwiesen – ebenso eine Kollegin aus meinem Journalistinnen-Netzwerk. So konnte ich wieder eine Zeit lang die Ausbildung finanzieren und mir zudem eine gute Couch und einen bequemen Sessel für die Praxis anschaffen.

Nach diesen Hochphasen kommen wieder neue Löcher. Ich sah keine andere Lösung, als hier im Blog Tagebuch über meine Lage zu schreiben. Es war wie eine kleine private Crowdfunding-Aktion. Als ich kurz davor war, bei der Bank wieder einen erneuten Ausbildungskredit aufzunehmen, kam eine Nachricht auf mein Handy: Eine Familie, die mir damals schon beim Crowdfunding geholfen hatte, hatte meine Geschichte hier im Blog gelesen und bot mir an, bei ihnen einen Kredit aufzunehmen. Wenige Tage später hatten sie mir einen Betrag überwiesen, mit dem ich eineinhalb Jahre alles gut finanzieren konnte. Dieses Gefühl, auf einmal weich zu fallen, Rückendeckung zu haben, Rückenwind zu bekommen, war unbeschreiblich. Das Herz schlägt ganz anders, der Schlaf kehrt zurück und der Glaube an die Menschen auch. Inspiriert hatte mich da der Youtube-Film der Sängerin Amanda Palmer: „Die Kunst des Bittens“.

Annehmen können

Ein Teil des Weges zum Traumberuf besteht also vielleicht zunächst daraus, erst einmal „gefüttert“ zu werden, sich füttern zu lassen, die „gute Nahrung“ annehmen zu können. Hat man einen Teil des Weges geschafft, stellt sich vielleicht ein neues Denken ein: Man ist gestärkt und bekommt mehr und mehr das Gefühl, dass das Geld sozusagen „aus einem selbst“ kommen kann. Die Menschen spüren, dass man das, was man macht, mit Liebe macht. Sie bemerken die zunehmenden Erfahrungen und die Fähigkeiten. Sie wissen das Angebot zu schätzen und sind bereit, dafür zu zahlen.

Geld ist immer da

Durch die Ausbildung trägt mich der Spruch einer Wirtschaftswissenschaftlerin und Freundin: „Geld ist immer da.“ Es ist eben nur die Frage, wo es gerade ist. Und wie und wo man sich selbst sieht. Man kann denken: „Ich werde mich hoch verschulden, das wird schlimm enden.“ Oder man kann denken: „Ich bin Ärztin. Es ist eine Investition in mich selbst. Ich weiß nicht, wohin es führen wird, ob ich gesund und stark bleibe, aber ich gehe davon aus, dass ich die nächsten 20, 30, 40 Jahre gut in diesem Beruf arbeiten kann. Es ist üblich, dass Ärzte viel Geld aufnehmen, damit die Praxis ans Laufen kommt.“

Man muss Geld in die Hand nehmen

Langsam denkt man in größeren Zahlen und man gewöhnt sich an die größeren Zahlen. Und man gewöhnt sich an die Wellenbewegungen. Immer wieder kommt auch die Angst, es nicht zu schaffen, auf Hartz IV zu landen. Aber auch hier gibt es Vorbilder: Die Unternehmerin Anne Koark beschreibt in ihrem Buch „Zurück auf Start“, wie sie ihre Zeit der Insolvenz kreativ durchlebt hat. Was passieren wird, kann man nicht wissen. Aber man kann versuchen, sich gesund zu halten und seine Freundschaften und Netzwerke zu pflegen.

Von Punkt zu Punkt gehen

geld_kommtLanden, umsehen, weitergehen. Das eigene Geschäft erblüht – es kommen die Kunden, die Patienten, die zu einem passen. Die Trainerin Sabine Asgodom nimmt für eine Stunde Coaching mitunter 700 €. Sie empfindet, dass ihre Arbeit so viel wert ist und ihre Kunden empfinden dasselbe. Man kann im Dorf-Chor singen oder im Thomaner-Chor (Youtube: „Markus will Thomaner werden.“ Kika, 2004). Darüber entscheidet nicht nur der familiäre Hintergrund, sondern auch das eigene Talent, die Fähigkeit, zu singen.

Alles einmal durchmachen

Es ist vielleicht wichtig, alle Erfahrungen zu machen: Kein Geld, keine Unterstützung zu haben, hoffnungslos zu sein; die Erfahrung zu machen, dass Geld von außen als Geschenk oder Kredit kommen kann und die Erfahrung, dass es irgendwann sozusagen aus einem selbst kommen kann, weil man die eigenen Fähigkeiten anbietet, für die andere zu zahlen bereit sind. Offen bleiben, sich zeigen, gute Menschen finden, gute Nahrung annehmen, verlangen können und es für möglich halten – das sind vielleicht die Zutaten, die es möglich machen können, den Traumberuf zu verwirklichen, obwohl so viel dagegen spricht.

Patenschaften

Aus meiner eigenen Geschichte ist nun das Thema „Geld und Psychoanalyse“ zu einer Leidenschaft geworden. Ich würde mir wünschen, dass es eine Stiftung gäbe, die alleinerziehenden Müttern die Ausbildung zur Psychoanalytikerin ermöglicht. Außerdem versuche ich gerade, ob es möglich ist, einen Paten für die Psychoanalyse eines Patienten zu finden. Mehr dazu: Psychoanalyse-Pate/-Patin werden.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am 11.6.2016


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