Vor Urzeiten zogen die Friseure auch Zähne. Noch heute gehören Friseure und Zahnärte derselben Berufsgenossenschaft an (BGW = Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege). Viele Menschen haben nicht nur Angst vor dem Zahnarzt, sondern auch vor dem Friseur (Keirophobie, keiro = griechisch: abschneiden). Das betrifft vor allem die Menschen, die als Kind Gewalt erfahren haben. Nicht selten müssen sie sich erst daran herantasten, sich selbst gut zu behandeln und sich anderen körperlich wieder anzuvertrauen. Der Friseurbesuch erfordert dann Mut. Wenn Sie betroffen sind und das erste Mal nach langen Zeiten zum Friseur gehen, suchen Sie sich einen liebevollen Laden aus. Es gibt Friseurinnen, die sehr feinfühlig sind und erkennen, wie schwer es für den Kunden ist, den Friseur aufzusuchen. (Text & Bild: Dunja Voos)
Viele Kinder haben Angst vor dem Friseur
Kleine Kinder haben sehr häufig Angst vor dem Friseur – das ist häufig Teil ihrer normalen Entwicklung. Der kleine Mensch hat in seiner Entwicklung erst kürzlich entdeckt, dass er ein eigener kleiner Mensch ist. Das Kind hat laufen gelernt, es kann nun selbstständig auf’s Töpfchen gehen und sich für eine Weile von der Mama trennen. Was es jedoch nicht mag: Sich von Dingen trennen, die unmittelbar zu ihm gehören. Das kleine Kind ist in einem Alter, in dem es von Kastrationsängsten geplagt wird. Vielleicht hat der Opa mal gedroht, den Daumen abzuschneiden. Vielleicht hat das Kind gerade Angst vor lauten Geräuschen, vor Staubsaugern, Kreissägen, Rasenmähern – kurzum vor allem, das seine Identität bedrohen und ihm etwas abschneiden könnte.
Auf’s Haar genau
Das Kind freut sich darüber, ein vollständiger und eigenständiger Mensch zu sein und fürchtet nun, irgendetwas von sich hergeben zu müssen oder zu verlieren. Kleine Kinder stellen unbewusst gelegentlich auch die Verbindung zwischen Geschlechtsorgan und Haaren her (schließlich hat der Erwachsene auch Schamhaare). Erst kürzlich hörte ich, wie ein kleiner Junge, der wegen einer Vorhautverengung operiert werden sollte, sagte: „Wenn der Doktor meinen Penis angeguckt hat, kann er dann auch mal auf meine Haare gucken?“ Und manch ein Mädchen möchte nicht, dass ihm der „Pferdeschwanz“ oder der „Pony“ abgeschnitten wird. Auch Jugendliche, die sich ihrer selbst noch nicht sicher sind, versuchen manchmal, mit schillernden Haarfrisuren von „da unten“ abzulenken.
Lukas 21, 18: „Doch kein Haar von eurem Haupt wird verlorengehen.“
In anderen Übersetzungen heißt es: „Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden.“
Man muss es nicht durchziehen
Die unbewussten Ängste der Kinder zeigen sich oft in Träumen oder gemalten Bildern. Fühlt sich das kleine Kind mit seinen Ängsten ernst genommen, dann kann der Friseurbesuch gelingen. Er kann aber auch einfach aufgeschoben werden. Manchmal ist schon wenige Wochen später die überängstliche Phase vorbei. Oder aber das Kind empfand es als heilsam, dass es erhört wurde und dass der Friseurbesuch auf seinen Wunsch hin abgebrochen wurde. Viele Eltern haben Angst, dass sich dadurch das „negative Verhalten verstärkt“. Oft aber passiert das Gegenteil: Das Kind hat das Gefühl, gehört zu werden und etwas bewirken zu können. Es weiß auch beim nächsten Friseurbesuch, dass es theoretisch wieder gehen kann. Das verleiht dem Kind ein Gefühl von Kontrolle, was wiederum die Angst vor dem Friseur reduziert.
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Links:
Geschichte des Friseurhandwerks
www.hairweb.de
Ronald Henss:
Zur psychosozialen Bedeutung des Haarausfalls
www.haar-und-psychologie.de
Friseure, die heimlichen Therapeuten
news.de, 16.9.2009
Buchtipps:
Eugen Drewermann:
Rapunzel, Rapunzel, lass Dein Haar herunter
Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet
dtv 1993, beck-shop
Joachim Küchenhoff:
Selbstfürsorge und Selbstzerstörung
Psychosozial-Verlag, 1999
Dieser Beitrag wurde veröffentlicht am 25.7.2012
Aktualisiert am 29.5.2016