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Angst vor der Unendlichkeit/Ewigkeit (Apeirophobie)

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Baum_Erich_WestendarpManche Menschen haben eine sehr quälende Angst: Sie leiden unter der Angst, ewig leben zu müssen. Sie stellen sich vor, dass der Tod keine Erlösung und auch nicht das Ende ist, sondern dass es danach immer weiter geht. Den Betroffenen fehlt die Vorstellung, dass es auch einmal Ruhe geben könnte. Eine Forumsbesucherin schreibt auf kurzefrage.de: „Der Gedanke daran, dass das alles keinen Anfang und kein Ende hat, macht mich einfach fertig.“ Woher kommt diese Angst vor der Unendlichkeit und welche Vorstellungen könnten helfen? (Text: © Dunja Voos, Bild: © Erich Westendarp, Pixelio)

Ohne Halt, ohne Grenze

Angst vor der Unendlichkeit kann entstehen, wenn man keinen Halt hat, wenn niemand da ist, der einen hält. Wer keine „Be-ziehung“ hat, der fühlt sich unangenehm losgelöst. Menschen, die in der Kindheit nicht geborgen waren, fehlt manchmal die Erfahrung, dass Beziehungen haltgebend sind. Sie haben das unangenehme Gefühl, zu schweben.

Oft werden junge Menschen von der Angst vor der Unendlichkeit gequält, denn sie sind oft körperlich gesund und fühlen sich dann auf eine unangenehme Weise unsterblich. Es sind insbesondere auch Menschen betroffen, die sich als Kind nie abgrenzen durften und wo es zwischen den Familienmitgliedern keine Grenzen gab. Das heißt, die Eltern dieser Kinder durchbrachen immer wieder die persönlichen Grenzen ihrer Kinder, z.B. durch Drohungen oder Missbrauch. So konnte das Kind nicht die Erfahrung des „Abgegrenztseins“ machen. Auf unangenehme Weise fühlt es sich, als sei es mit allem und jedem grenzenlos verbunden. Da gibt es keine Grenze.

Die unsterbliche Seele?

Durch die Vorstellung vieler Menschen, dass der Mensch einen sterblichen Körper, aber eine unsterbliche Seele habe, verstärkt sich die Angst vor der Unendlichkeit. Hier kann es helfen, zu lesen, was die Medizin heute sagt: Körper und Geist lassen sich nicht voneinander trennen, sondern sie hängen voneinander ab. Hier gibt es die Vorstellung, dass auch die Seele sterblich ist. Der Mathematikprofessor Marcus du Sautoy aus Oxford hat hierzu eine wunderbare BBC-Fernseh-Dokumentation gedreht mit der Frage: „Bin ich ich?“ (BBC: Just what does make me ‚me‘?).

Die Angst vor der Unendlichkeit hängt zusammen mit der Frage „Wer bin ich“?

Die Vorstellung, dass die Seele den Körper verlassen und dann auf ewig in der Unendlichkeit schweben könnte, ist für viele eine erschreckende Vorstellung. Doch wie wahrscheinlich ist das? Die Dinge werden ja besonders erschreckend, wenn wir uns über etwas bewusst sind. Also: Die Unendlichkeit macht uns Angst, wenn wir wach sind und darüber grübeln, aber eher selten, wenn wir schlafen. Im Schlaf ist das wache Bewusstsein ausgeschaltet. Die Angst vergeht. Also könnte man auch sagen: Das Bewusstsein ist das Problem. Das Grübeln über die Unendlichkeit ist das Problem. Das Bewusstsein ist aber auch unsere natürliche Grenze. Natürlich führen sich Zahlen bis ins Unendliche fort und man könnte theoretisch bis ins Unendliche zählen, aber die Grenze ist doch deutlich: Das Zählen ermüdet uns und dadurch kommen wir eben nur so weit, wie wir kommen. Wir hören einfach irgendwann mit dem Zählen auf.

Aber Nahtoderfahrungen beweisen doch die Unendlichkeit, oder nicht?

Menschen mit Nahtoderfahrungen schwärmen oft davon, wie wunderbar sie sich gefühlt haben. Aber es gibt auch Menschen mit Nahtoderfahrungen, die sich schrecklich gefühlt haben – von ihnen hört man seltener. Viele haben oft während notfallmedizinischer Behandlungen Nahtoderfahrungen gemacht. Ich möchte die Erfahrungen der Betroffenen nicht schmälern, aber ich möchte hier auch beruhigende Argumente finden für diejenigen, für die die Vorstellung eines Lebens nach dem Tod nur schrecklich ist. Die Medikamente, die ein Patient während einer Wiederbelebung bekommt, können im Gehirn viele Empfindungen hervorrufen. Wer einmal das Narkosemedikament Propofol bekommen hat, weiß, wie gut man sich fühlen kann. Der Sterbeforscher Gian Domenico Borasio schreibt in seinem Buch „Über das Sterben“, dass er bei seinen Beobachtungen keine Hinweise auf Nahtoderfahrungen finden konnte, denn die Palliativmedizin (also die Medizin am Ende des Lebens) begleitet die Menschen ja beim Sterben.

Die Grenze spüren, sich wieder sterblich fühlen

Manche alte Menschen sagen, dass sie in jungen Jahren den Tod sehr viel mehr fürchteten als im Alter. Möglicherweise fühlt man sich im Alter gebrechlicher und man spürt die Grenze eher. Vielleicht hat man auch genügend haltgebende Beziehungen erlebt und man kann leichter loslassen. Die Angst vor der Unendlichkeit kann nämlich paradoxerweise einen großen, aber vielleicht unterdrückten Lebenshunger widerspiegeln. Viele alte Menschen glauben nicht an ein Leben nach dem Tod oder an ein unendliches Leben. Wer Angst vor der Unendlichkeit hat, dem geht es möglicherweise wieder besser, sobald er sich wieder sterblich fühlt und einen festen Boden unter sich spürt. Sobald er in Kontakt ist zu seinen wahren Gefühlen. Und sobald er versteht, dass dieser Grundschmerz, den er vielleicht spürt, nicht ewig weitergeht, sondern irgendwann endet.

Der Begriff „Ewigkeit“ lässt uns an eine unendliche Zeit auf einem Zeitstrahl denken. Das macht vielen Angst. Der englische Begriff „eternity“ ist da vielleicht hilfreich, denn er leitet sich vom „Äther“ ab, also von etwas, das uns sozusagen umgibt. Das Wort „Eternity“ erweckt bei vielen eher eine räumliche als eine zeitliche Vorstellung.
Literaturhinweis:
James Grotstein: Bion’s Transformation in „O“ and the Concept of the Teanscnendent Position:

„Beginning with Winnicott’s (1954) concept of „chaos“ and Bion’s (1965) concept of „O,“ as well as Matte-Blanco’s (1975, 1988) concept of infinite sets, we begin to see a post-modern revision of the picture of the fundamental nature of the Unconscious. The „deep and formless infinite“ is its nature. It is dimensionless, infinite, and chaotic, or, in Matte-Blanco’s terms, symmetrical and infinitized.
In other words, Bion’s picture of the Unconscious, along with that of Winnicott and Matte-Blanco, conveys an ineffable, inscrutable, and utterly indefinable inchoate formlessness that is both infinite and chaotic–or complex–by nature. It is what it is and is always changing while paradoxically remaining the same.“ (http://www.sicap.it/merciai/bion/papers/grots.htm)

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Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 2.1.2014
Aktualisiert am 21.5.2016


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