Mit Gefühlen ist es einfach: Es stirbt ein Freund, man ist traurig, man geht zu einer Freundin und kann mit ihr darüber sprechen. Man kann weinen, man kann sich trösten lassen und jeder versteht einen. Die Voraussetzungen dafür sind, dass man das Ende anerkennt, dass man sich vom anderen getrennt fühlt, dass man eine gute Freundin hat und vor allem: dass Trauer erlaubt ist. Viele Kinder wachsen von klein auf damit auf, dass sie nicht traurig sein dürfen. (Text & Bild: © Dunja Voos)
Verdrängen die Eltern die Trauer, darf auch das Kind nicht traurig sein
Eltern, die harte Schicksalsschläge erlebt haben, sind vielleicht selbst so groß geworden, dass sie Trauer nicht zeigen durften. Wann immer dann ihr eigenes Kind einmal traurig ist, fühlen sich die Eltern sofort extrem unwohl. Was, wenn „der Hahn aufgeht“? Hört die Trauer dann jemals auf? Das denken die Eltern natürlich nicht bewusst. Was sie machen ist: Sie gehen schnellstens über die Trauer des Kindes hinweg. Das Kind merkt sofort: Mit Traurigkeit bin ich bei meinen Eltern allein. Ich muss mich sogar für meine Trauer schämen, so verboten ist sie.
Das Kind wendet Tricks an
Wenn das Kind merkt, dass Trauer nicht erlaubt ist, beginnt es, Tricks zu erfinden, die Trauer zu umgehen. Trauer entsteht zum Beispiel dann, wenn man sich von einem anderen Menschen als getrennt erlebt oder wenn man einen anderen Menschen verliert. Das kann so schmerzlich sein, dass man sich lieber irgendwie mit diesem Menschen in der Fantasie vereint. Das Kind zum Beispiel richtet sich nach den Eltern und lebt das, was die Eltern wollen: Es verdrängt seine Tränen. Oft kommt noch hinzu, dass das Kind und der Erwachsene eine „Trennung“ verhindern, denn Trennung führt zu Trauer.
Trauern wird verhindert, um Trennung zu verhindern.
Auf die Dauer gelangt man in „verrückt Zustände“
„Am liebsten würde ich ihn anrufen und ihm sagen, dass ich traurig bin“, denkt man noch ganz klar. Aber wenn Trauer nie erlaubt war, stellt man sich sofort vor, dass das nicht geht. Man hat Sehnsucht nach Trost, aber man denkt: Trost bekomme ich eh nicht, der andere lacht mich aus und Trost macht „abhängig“, was man auf keinen Fall will. Und dann kommt man auf diese Fährte: Man will nicht abhängig sein. Man denkt, man schafft es allein. „Ich brauch‘ dich nicht!“, denkt man dann und schreit es dem anderen zu. Doch man fühlt sich immer merkwürdiger abgekapselt.
Sprechen über den Zustand ist nicht möglich
Innerlich hat man sich irgendwann so verdreht und man hat sich so sehr mit dem anderen Menschen verquickt, dass man das Gefühl hat, man versteht sich selbst nicht mehr. Auch andere können einen nicht verstehen. Man hat keine „Gefühle“ mehr, man ist in einem komischen Zustand. „Geh weg, komm her“, signalisiert man dem anderen – und das in einem Affen-Tempo. Borderlinern wird nachgesagt, dass sie zwischen zwei Polen „oszillieren“. Das „Nein-doch“ geht so schnell, dass der andere kaum mitkommt. Wo der Ursprung war und was eigentlich „verboten“ war, ist nicht mehr sichtbar.
Zurück zum Ursprung
Wenn man dann einmal schaut, wie alles angefangen hat und wo der Ursprung dieses „verrückten Zustandes“ war, kann man manchmal und mit etwas Glück zurück kommen zu diesem traurigen Ausgangspunkt. Es ist eine große Wohltat, wenn das ursprüngliche Gefühl zurückkommt. So schmerzhaft es ist – es kann endlich wieder kommuniziert werden.