Hypochondrie, also die Angst vor Krankheiten, kann sehr quälend sein. Man misstraut dem eigenen Körper. Aus jedem Herzstolpern wird in der Phantasie ein Infarkt, aus jedem Muttermal ein Hautkrebs. Bei der Angst vor psychischen Erkrankungen sucht man im Internet auf Hinweise von Persönlichkeitsstörungen oder Schizophrenie. Wie auch immer – wer an Hypochondrie leidet, verwendet viel Zeit und Energie auf das Thema „Krankheit“. (Text & Bild: © Dunja Voos)
Tipps gegen die Hypochondrie
Eine ausgeprägte Krankheitsangst kann so quälen, dass manchmal nur eine Psychotherapie oder Psychoanalyse helfen kann. Doch auch kleinere Maßnahmen können schon entlasten:
1. Suchen Sie sich einen Hausarzt, dem Sie – so sehr es geht – vertrauen. Sprechen Sie mit ihm über Ihre Ängste. Lassen Sie sich in einer Zeit, in der es Ihnen gut geht, untersuchen. Wenn es hilfreich für Sie ist: Bitten Sie um eine Blutuntersuchung und lassen Sie abklären, ob Entzündungszeichen vorliegen, ob der Blutzucker in Ordnung ist und ob die Schilddrüsenhormone im Normbereich liegen. Lassen Sie ein Elektrokardiogramm (EKG) und ein Ultraschall der Bauchorgane machen. Fragen Sie ruhig nach einer Kopie Ihrer Befunde – oftmals geben die Ärzte nicht von sich aus die Untersuchungsergebnisse heraus. Doch die guten Ergebnisse schwarz auf weiß vor sich liegen zu haben, kann beruhigen.
2. Als Hypochonder haben Sie vielleicht ein großes Wissen über Krankheiten. So können Sie kleine Krankheitszeichen – z. B. Bauchschmerzen – schon beunruhigen und an einen Tumor denken lassen. Wenn Sie sich aber weiter informieren, stellen Sie fest, dass Ihnen wahrscheinlich viele Symptome fehlen, die zu der befürchteten Erkrankung passen würden. Konzentrieren Sie sich dann auf die Beschwerden, die Sie NICHT haben (siehe Marco Rima: Nebenwirkungen von Pillen und Zäpfchen, Youtube).
3. Versuchen Sie, die Symbolik der Erkrankung zu erkunden, die Sie befürchten. Haben Sie Angst vor einem Herzinfarkt, könnten Sie sich fragen, ob Sie in Ihrer Partnerschaft vielleicht vor schwierigen Problemen stehen. Spielen Sie mit Ihren Gedanken. Haben Sie vielleicht das Gefühl, dass Ihnen Liebe fehlt oder dass Sie zu wenig lieben? „Blutet“ Ihr Herz vielleicht, weil Sie Ihre große Liebe verloren haben? Versuchen Sie also eine Verbindung herzustellen zwischen Ihrer Befürchtung und seelischem Kummer, der dahinter stecken kann.
4. Schauen Sie auf Ihre Familiengeschichte. Nicht selten haben Hypochonder nahe Verwandte, die zu früh an einer schweren Krankheit verstorben sind. Dieses Erlebnis kann die Befürchtung hervorrufen, an derselben Erkrankung – vielleicht auch im selben Alter – zu versterben. Es können auch Schuldgefühle dahinterstecken. So etwas kommt beispielsweise bei Geschwistern relativ häufig vor: Verstirbt der eine, so hat der andere Schuldgefühle, weil er selbst überlebt hat oder gesund ist. Solche Zusammenhänge auf eigene Faust zu durchschauen kann schwierig sein, weil die Gefühle, die damit verbunden sind, stark sein können. Trauer, Schuld und Wut können sehr groß sein. Häufig ist es dann leichter, mit einem psychoanalytisch orientierten Psychotherapeuten zusammen den Spuren der Krankheits- und Todesangst zu folgen.
5. Fragen Sie sich, was die Vorteile Ihrer Angst vor Krankheiten sind. Womit müssen Sie sich nicht auseinandersetzen, während Sie mit Ihrer phantasierten Krankheit beschäftigt sind? Was wäre der Vorteil, wenn Sie vom Rettungshubschrauber abgeholt werden würden? Dann bekäme Ihre Freundin vielleicht endlich einmal einen großen Schrecken und würde zukünftig mehr Rücksicht auf Sie nehmen. Solch ein Wunsch kann beispielsweise unbewusst vorhanden sein. Überlegen Sie, was Sie sich in Ihrem Leben gerade ganz besonders wünschen. Vielleicht hegen Sie auch Trennungsgedanken und eine Krankheit wäre der einzig vorstellbare Weg hinaus aus der Beziehung.
6. Beschäftigen Sie sich mit schönen Dingen und tun Sie regelmäßig etwas, das Ihnen Spaß macht. Gehen Sie in ein Wellnessbad, joggen Sie, treffen Sie sich mit Freunden oder ziehen Sie sich alleine zurück vor den Fernseher. Was immer Ihnen gut tut: Schauen Sie, dass Sie sich regelmäßig genug davon gönnen.
7. Erlernen Sie einfache Methoden der Selbstuntersuchung. Kaufen Sie sich, wenn es Sie beruhigt, ein Blutdruckmessgerät für zu Hause. Besorgen Sie sich in der Apotheke Urinteststreifen. Hier können Sie leicht selbst testen, ob Sie Zucker im Urin haben oder ob eine Blasen- oder Nierenentzündung vorliegt. Lassen Sie sich von Ihrem Arzt zeigen, wie Sie bei sich selbst eine kleine neurologische Grunduntersuchung durchführen können. Beispiel Schwindel: Wenn Sie unter Schwindel leiden, dann stellen Sie sich mit geschlossenen Beinen hin und schließen die Augen. Laufen Sie 60 Schritte auf der Stelle. Öffnen Sie die Augen dann wieder. Haben Sie sich um 90 Grad gedreht, ohne es zu merken? Dann könnte ein Innenohr-bedingter („peripherer“) Schwindel vorliegen. Haben Sie sich nicht allezu sehr gedreht, dann ist der Schwindel möglicherweise eher kreislauf- oder psychosomatisch bedingt.
8. Bei Angst vor psychiatrischen Erkrankungen lesen Sie auch einmal psychoanalytische Beiträge – Psychoanalytiker legen sich nicht so stark auf Diagnosen fest, sondern haben den Menschen mit seinen vielfältigen Ängsten und Nöten im Blick und versuchen, die Symptome zu verstehen. Viele fürchten sich nicht vor der psychiatrischen Erkrankung an sich, sondern vor der Psychiatrie, vor Zwangsmedikation und vor dem Eingesperrtwerden in einer geschlossenen Station. Doch heutzutage geht es auch anders: Es gibt psychiatrische Kliniken, die sich bemühen, ohne Medikamente auszukommen, sogenannte Soterias. Der Film „Take these broken wings“ zeigt außerdem, wie Menschen ohne Medikamente von der Schizophrenie geheilt werden konnten. Die Psychoanalytikerin Dr. Ann-Louise Silver zeigt Ausschnitte des Films auf ihrer Website.
9. Beschäftigen Sie sich mit dem Thema Vertrauen. Das Vertrauen in den eigenen Körper, die eigene Psyche, das Vertrauen in die Eltern, den Partner oder auch den Arzt – wo ist das Vertrauen gestört, seit wann und warum? Haben Sie das gestörte Vertrauen zu anderen in Ihren Körper verlegt? Vielleicht fehlt Ihnen das Grundgefühl, sich selbst zu trauen. Manchmal hat man Angst vor sich selbst, kann aber logischerweise nicht weglaufen. Da hilft manchmal Ablenkung, häufig aber auch die Auseinandersetzung mit dem zugrundeliegenden Thema (am besten mit einem Therapeuten). Die Angst vor Krebs, vor einem bösartigen Tumor, könnte zum Beispiel die Angst vor der eigenen „Bösartigkeit“ symbolisieren, die immer wieder unterdrückt werden muss.
Vielleicht sind Sie zu gutgläubig – wenn in einer Illustrierten steht: „Gehen Sie mit diesen Beschwerden sofort zum Arzt“, dann schreibt die Zeitschrift so etwas oft auch, um sich rechtlich abzusichern. Eng verwandt mit dem Thema „Vertrauen“ sind auch die Themen „Abhängigkeit“ und „Ohnmacht“. Denn Gefühle der Ohnmacht, Hilflosigkeit oder Leistungsschwäche können zu hypochondrischen Ängsten führen.
10. Drängen Sie Ihren Arzt nicht zu weiteren Untersuchungen. Das ist sehr schwierig. Vielleicht können Sie versuchen, das „Drängenwollen“ zu verstehen. Was ist wirklich so dringend? Was soll der Arzt wirklich erkennen? Auch das lässt sich oft nur mithilfe eines Psychoanalytikers herausfinden.
Einen guten Arzt erkennen Sie daran, dass er sich viel Zeit für das Gespräch nimmt, Sie ernst nimmt und auch gründlich untersucht, der aber Abstand nimmt von unzähligen weiteren Untersuchungen. Je mehr man untersucht, desto mehr wird man auch feststellen. So können kleine Nebenbefunde erneut Anlass zur Sorge geben. Es ist die Kunst zu wissen, wann weitere Untersuchungen unnötig sind. Im Prinzip kann jeder Husten ein Anzeichen eines Lungentumors sein. Doch meistens ist der Husten eben ein Husten. Abwarten und Beobachten ist bei vielen Beschwerden häufig hilfreicher, als von einer Untersuchung zur nächsten zu laufen.
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Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht im Oktober 2012.
Aktualisiert am 30.12.2015