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Malignes Introjekt

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IntrojektAls kleine Kinder sind wir völlig abhängig von unseren Eltern. Kinder sprechen oft wie ihre Eltern, sie bewegen sich wie sie und sind ihnen auch sonst sehr ähnlich. Die Kinder „imitieren“ viele Eigenschaften der Eltern. Ist ein Elternteil besonders kritisch, strafend oder gar gewalttätig, dann nimmt das Kind auch diese Eigenschaften sozusagen in seine kleine Seele auf. Es wird sich später selbst so behandeln, wie es einst von Vater oder Mutter behandelt wurde. Es wird sich auch Freunde suchen, die es ähnlich behandeln. Unbewusst hat sich das Kind den gewalttätigen, überkritischen und nicht gönnerhaften Elternteil zu eigen gemacht – der „schlechte Vater“ oder die „schlechte Mutter“ ist zum sogenannten „malignen Introjekt“ geworden. (Text: © Dunja Voos, Bild: © Thorben Wengert, Pixelio)

Angst vor Erfolg und vor den schönen Seiten des Lebens

Wer wenig gönnerhafte Eltern hatte, der hat sich eingeprägt: „Ich darf nicht zu viel Erfolg haben. Ich darf das Leben nicht zu schön finden. Sonst erhalte ich eine Strafe.“ Und so leben diese Kinder als Erwachsene dann auch: Die Dinge dürfen auf keinen Fall zu schön werden, denn dann meldet sich die „strafende Instanz“ bzw. das „maligne Introjekt“. Man baut unbeabsichtigt einen Unfall, wird krank, ängstlich oder depressiv. Hauptsache ist jedenfalls, dass man sich für die Glücksmomente bestraft. Das alles passiert meistens unbewusst. Die Betroffenen sagen nicht: „Oh, da habe ich die strafende Mutter in mir aufgenommen.“ Sondern sie können sich ihr Unglück nicht erklären – sie sind „wunschlos unglücklich“.

Bewusstwerdung heißt noch nicht „Ende des Kampfes“

Viele wollen „die böse Mutter“ oder „den bösen innerlichen Vater“ in sich los werden. Im Märchen kann die „böse Hexe“ einfach verbrannt werden. Aber im echten Leben ist das nicht immer so leicht. Das Selbst kämpft immer wieder mit diesem Introjekt – auf verschiedene Weise. Mal gewinnt das Selbst, mal das „maligne Introjekt“, das wie ein Fremdkörper erlebt wird, das aber ja irgendwie zum „Selbst“ gehört. Da kann es helfen, dem Guten mehr Raum zu geben. Ein wohlwollender Therapeut, gute Freunde oder gut funktionierende Gruppen bzw. Vereine können bewirken, dass man bessere Erfahrungen macht. Man darf erfahren, wie es ist, Gutes zu erleben und das Gute gegönnt zu bekommen. Dadurch nimmt das Gute, Förderliche, Friedliche und Freundliche in sich selbst mehr Raum ein und das „maligne Introjekt“ wird unbedeutender.

Der Analytiker Peter Kutter schreibt in seinem Buch „Affekt und Körper: neue Akzente der Psychoanalyse“ (S. 149), wie sich so ein „malignes Introjekt“ anfühlen kann:

„Ein malignes Introjekt, das mit negativer Energie aufgeladen ist, bedroht das Selbst existenziell, will es beseitigen oder zerstören. Das Selbst wehrt sich – bei den gegebenen Macht-Ohnmacht-Verhältnissen an der Basis der Entwicklung – verzweifelt gegen die Übermacht des Introjekts und versucht sich zu behaupten, kämpft um sein Überleben. Im günstigsten Fall siegt es, im ungünstigsten Fall kapituliert es, gibt auf und unterwirft sich. Ein Kompromiss wäre die anhaltende Auseinandersetzung zwischen den beteiligten Instanzen mit wechselndem Ausgang.“

Ansichtssache

Doch eigentlich kämpft man ja nur so lange gegen ein „malignes Introjekt“, solange man glaubt, dass es so etwas gibt. Viele Psychoanalytiker benutzen diesen Begriff gar nicht. Wenn man einen gewaltsamen Vater hatte und dann selbst gewaltsam wird, dann fühlt es sich einerseits an, als säße der Vater in einem selbst. „Der Vater spricht aus mir“, könnte man sagen. Letzten Endes macht man ihn aber sozusagen nur nach. Es mag sich anfühlen wie „ein Stückchen Seele vom Vater“, doch was in einem ist, das sind die Erinnerungen an den Vater und an die Erfahrungen, die man mit ihm gemacht hat. Manche fühlen sich wie „besessen“, doch eigentlich ist es nur ein „Zuviel an Erfahrung und Erinnerung“, das man bisher noch nicht verdauen konnte und daher wie ein unverdautes Fremdstück in der Seele zu sitzen scheint. Man konnte es noch nicht ausreichend mit einem anderen, zum Beispiel einem Psychoanalytiker, „durchkauen“.

Verwandte Artikel in diesem Blog:

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Suizid: Der fremde Anteil in sich selbst soll weg
Typ-II-Trauma

Link:

Peter Kutter
Affekt und Körper: Neue Akzente in der Psychoanalyse
Vandenhoeck und Ruprecht 2001
19,90 Euro

Dieser Beitrag erschien erstmals am 6.7.2012
Aktualisiert am 24.12.2015


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