Seit 2006 sind Ärzte nach einer entsprechenden Weiterbildung nicht mehr einfach „Psychotherapeut“, sondern sie führen den Zusatztitel „Psychotherapie – fachgebunden“. Die Idee dahinter ist, dass ein Facharzt nur solche Patienten psychotherapeutisch behandelt, deren psychische Beschwerden in Zusammenhang mit dem entsprechenden Fachgebiet stehen. Beispiel: Der Gynäkologe mit dem Zusatztitel „Psychotherapie – fachgebunden“ behandelt Frauen mit einer postpartalen Depression.
„Sag‘ mal: Wie machst’n Du das?“
Das Wort „fachgebunden“ hinter dem Wort „Psychotherapie“ ist einmal mehr ein Versuch, die Menschen in Schubladen zu drücken, für die es keine Schubladen gibt. Auf ärztlichen Weiterbildungsveranstaltungen hört man dann oft den Satz: „Sag‘ mal, wie machst denn du das, wenn du einen Patienten behandeln willst, der nichts mit deinem Fach zu tun hat?“ Die Antwort ist meistens so etwas wie: Man deichselt es sich eben zurecht.
Als Allgemeinarzt hat man es relativ leicht: Hängt doch alles irgendwie mit der Allgemeinmedizin zusammen. Auch der Arbeitsmediziner kann in seinem Bericht fast immer einen Bezug zur Arbeit des Patienten herstellen. Doch oft hat der Bezug etwas Gekünsteltes. Ein Patient mit einer schweren Angststörung lässt sich kaum einem medizinischen Fach zuordnen.
Wieder freier werden
Warum muss man erst einen „Facharzttitel“ haben, um den Titel „Psychotherapie“ erwerben zu können? Warum sollten Ärzte ohne abgeschlossene Facharztweiterbildung nicht einfach eine psychotherapeutische Weiterbildung machen können, um dann die sogenannte „Richtlinienpsychotherapie“ anbieten zu können?
Der Therapeutenmangel ist groß, doch der Mangel ist hausgemacht. Viele Ärztinnen steigen aus der Facharztweiterbildung aus, wenn sie Mutter werden. Die Facharztweiterbildung ist oft zu intensiv, um sie mit dem Elternsein verbinden zu können. Der Psychotherapietitel hingegen lässt sich stückchenweise in Wochenendkursen und in einer Praxis mit zwei Stühlen und einem Tischchen erwerben. Es wäre doch schön, wenn hier Schleusen geöffnet werden könnten – nicht nur zum Wohle der Patienten, sondern auch zum Wohle vieler Ärzte und besonders Ärztinnen, die sich gut vorstellen könnten, den Beruf des Psychotherapeuten auszuüben.
Verwandte Artikel in diesem Blog:
Wie erlangt man als Arzt den Zusatztitel „Psycyhotherapie – fachgebunden“?