Ein Psychoanalytiker kann wohl blind seinen Beruf ausüben, nicht aber gehörlos. Psychoanalyse auf der Couch in Gebärdensprache funktioniert leider nicht. Psychoanalytiker fürchten sich daher besonders vor einer Schwerhörigkeit. Denn die Voraussetzung für gutes Zuhören (englisch: Listening) ist ganz simpel die körperliche Fähigkeit zu hören (to hear). (Text & Bild: © Dunja Voos)
Leise Nuancen entgehen dem schwerhörigen Analytiker
Schwerhörige Analytiker haben Schwierigkeiten, unterschwelliges Gemurmel, Schlucken, Atemgeräusche und leise Seufzer ihrer Patienten zu hören. „Freudsche Verhörer“ können öfter auftreten – mit Vor- und Nachteilen. Ein Verhörer kann sehr wertvoll bei dem Versuch sein, den Patienten und die Beziehung zu ihm zu verstehen. Der Verhörer kann jedoch auch sehr subjektiv eingefärbt sein und wenig mit dem Patienten zu tun haben. Der schwerhörige Analytiker muss sich immer wieder sehr anstrengen, dem Patienten zu folgen.
Wenn Akademiker den Beruf des Psychoanalytikers ergreifen wollen und sich zu Bewerbungsgesprächen bei Lehranalytikern vorstellen, geht es hauptsächlich um die charakterlichen (und finanziellen) Fähigkeiten des Bewerbers. Doch die Ohren werden nur selten zum Thema gemacht.
Hörgeräte können helfen, aber …
Insbesondere ältere Analytiker brauchen häufiger Hörgeräte, doch diese sind trotz technischen Fortschritts immer noch längst nicht ausgereift. Eine Otosklerose, ein Hörsturz, ein Morbus Meniere, ein Tinnitus, eine hartnäckige Mittelohrentzündung kann einen Analytiker an den Rand der Verzweiflung bringen. Die Schwerhörigkeit kann den Analytiker im Extremfall dazu zwingen, seinen Beruf aufzugeben. Was das bedeutet, können sich wohl nur Analytiker vorstellen.
Der Beruf hängt an den Ohren
Wohl die meisten Psychoanalytiker üben ihren Beruf mit einer großen Leidenschaft aus. Die Fähigkeit zu hören ist für den Analytiker ebenso wichtig wie es gesunde Finger für den Geiger oder Pianisten sind. Auch Musiker leiden extrem, wenn sie durch körperliche Schäden genötigt werden, den Beruf aufzugeben. Welche Alternativen gibt es? Gebärdensprache lässt sich nicht so schnell erlernen, aber dennoch lässt sie sich erlernen. Vielleicht wären dann wenigstens wieder tiefenpsychologische Behandlungen mit hörgeschädigten Menschen im Sitzen möglich. Oder, wenn man die Couch benutzen wollte, müsste man über Bildschirme arbeiten, aber auch das wäre nur schwer umzusetzen, denn zur Gebärdensprache gehört es, den anderen zu sehen. Mund und Mimik sind bei der Gebärdensprache unerlässlich. Sicherlich zerbrechen sich viele Analytiker darüber den Kopf, welche Alternativen es geben könnten, wenn das Gehör versagt.
Der schwerhörige Psychoanalytiker ist in der Literatur kaum zu finden
Obwohl das Thema sicher viele Analytiker beschäftigt, findet es kaum Erwähnung in der Literatur, wie der Psychoanalytiker Salman Akhtar in seinem Buch „Psychoanalytic Listening: Methods, Limits and Innovations“ schreibt (Karnac Books, 2012, S. 104. Akhtar wurde ausgebildet am Psychoanalytic Center of Philadelphia (IPA), USA.)
Akhtar schreibt, dass Psychoanalytiker mit Hörverlust ihr Problem selbst oft hinunterspielen oder ignorieren. Auch die Kollegen würden die Schwerhörigkeit kaum thematisieren- selbst dann, wenn das Problem groß ist. Das Problem sei zu vergleichen mit einem Chirurgen, dem die Hände zitterten: Auch hier würden Kollegen den Betroffenen schützen, aber ab einem gewissen Grad wäre das Problem doch unübersehbar. Im Englischen gibt es beim Hören die schöne Unterscheidung von „to listen“ (zuhören) und „to hear“ (hören). Akhtar erinnert daran, dass das Zuhören eine mentale Fähigkeit ist, dessen Voraussetzung jedoch immer die körperliche Fähigkeit, zu hören, bleiben wird.
„It is evident from even a cursory survey of the psychoanalytic literature that the inner world of the deaf person has been virtually unexplored by psychoanalysts – to the impoverishment of both deaf people and psychoanalysis. …. The sign language of the deaf has not been explored as an alternative psychoanalytic tool.
Some forms of psychotherapy are undertaken using American Sign Language (ASL) … No report of an analysis using sign language of a person congenitally or prelingually deaf has been found.
Furthermore, a deaf person has yet to be trained as a psychoanalyst. Initially, this might only be possible by training a hearing person born of deaf parents who learned to sign and speak simultaneously in childhood. That person could then train a deaf person as a psychoanalyst.
What are the implications of a ‚visual‘ language for psychoanalysis? … Fred Levin, forcefully argues against psychoanalysis taking a narrow linguistic approach which appears to ignore the non-verbal realm for a ‚total language‘ approach with attention to both verbal and non-verbal communication. He recognizes that verbal communication is not superior to non-verbal communication any more than a spoken language is superior to the sign language of the deaf community.“
Kay O’Neil, Mary:
The Unsung Psychoanalyst: The Quiet Influence of Ruth Easser
University of Toronto Press 2004
Toronoto Buffalo London, ISBN: 0-8020-8978-X
S. 178
Verwandte Artikel in diesem Blog:
37 Wie wird man Analytiker? Auf die Ohren achten
Links:
Fred Levin’s Psychotherapy Newsletters
Saladin, Shawn P.:
Counseling Persons Who are Deaf of Hard of Hearing
= Chapter 28 of
Stebnicki, Mark A and Marini, Irmo (Editors):
„The Professional Counselor’s Desk Reference, Second Edition“
Springer Publishing Company, 2016
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