Es fängt schon damit an, dass ich keinen Handyempfang habe, während die anderen offensichtlich mit ihren Lieben daheim kommunizieren. „Nur die VT-ler haben Empfang“, lacht mir der einzige Mann in der Runde entgegen (VT-ler = Verhaltenstherapeuten). Dass ich die einzige Psychoanalytikerin in diesem Hypnose-Wochenendkurs bin, wird schnell zum Running Gag. Ich genieße es, denn auch VT-ler sind erstaunlich nette Menschen. Vor allen Dingen sind es erstaunlich junge Menschen. Ich sitze hier nicht ganz freiwillig. „Zweimal 16 Stunden Hypnose“ steht auf dem Anforderungszettel für die Prüfung „Psychotherapie“ bei der Ärztekammer. Auch die anderen sind hauptsächlich wegen der Unterschrift da. Das verbindet uns. (Text & Bild: © Dunja Voos)
Zwischen Unterforderung und unzureichender Ausbildung
Was wir in vier Tagen lernen, ist für die meisten redundant. Den „Bodyscan“, den „Wohlfühlort“, das Herunterzählen von 10 bis 1 zur Vertiefung der Trance kennen die meisten schon aus vielen anderen Kursen – oder auch aus dem Fitness-Center nebenan. Einerseits fühlen sich viele unterfordert, andererseits kann ich mir nur schwer vorstellen, nach diesen dann doch relativ wenigen Stunden andere Menschen sicher und gut in die Hypnose zu führen. Ich frage mich, wer sich so was ausdenkt, dass 2-mal 16 Stunden Hypnose notwendig sind, um Psychotherapeut zu werden. Es ist sicher auch ein Geldgeschäft, denn an den Kursen verdienen die Weiterbilder.
„Die VT-ler“
Der Einblick in die Denk- und Arbeitsweise der VT-ler ist für mich an diesem Wochenende das Spannendste. Ich bewundere ihren Pragmatismus und ihren Einfallsreichtum, wenn es um schnelle Lösungen geht. Andererseits vermisse ich die Tiefe. Die VT-ler beklagen selbst, dass sie viel zu wenig Einzel-Selbsterfahrung haben. Sie lesen ihre Patienten hauptsächlich von außen. Sie lernen die Theorie zur Depression, lernen Patienten mit Depressionen kennen, werden aber alleingelassen bei der Bearbeitung ihrer eigenen Depression.
„Die Analytiker“
Das ist wohl der große Unterschied zur Psychoanalyse: Hier liegt der Schwerpunkt auf der Selbsterfahrung. Wenn Analytiker ihren Patienten begegnen, können sie die Erfahrungen des Patienten mit ihren eigenen Erfahrungen angstfreier abgleichen, weil sie durch die eigene Lehranalyse gehalten werden. Von manchen Patienten höre ich, dass sie sich von Analytikern besser verstanden fühlen als von Verhaltenstherapeuten. Andererseits höre ich manchmal von Patienten bzw. Blog-Lesern, dass sie sich durch die „kühle und zurückhaltende Art“ der Analytiker alleingelassen fühlen. Hier wiederum wirken die Verhaltenstherapeuten vielleicht einladender, spontaner, unbeschwerter und unkomplizierter.
Fühlen ist das Instrument des Therapeuten
Letzten Endes kommt es natürlich immer auf den einzelnen Menschen an. Was Psychotherapie/Psychoanalyse wohl immer ausmacht, ist die emotionale Beteiligung des Therapeuten und so kommt dieser sehr treffende Satz von einer Verhaltenstherapeutin, der ebenso von einer Analytikerin stammen könnte: „Dass ich immer so viel fühlen muss, das ist manchmal anstrengend.“
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